| ERFAHRUNGSBERICHT EINER GASTFAMILIE |
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Familie Werder nahm für 11 Monate eine Austauschschülerin aus Uruguay bei sich auf. Im Interview berichten sie über ihre Erlebnisse mit dem neuen Familienmitglied. Wieso habt ihr euch entschieden, einen Austauschschüler aufzunehmen? Wir haben uns schon immer für andere Kulturen interessiert und sind bereits viel durch verschiedene Länder gereist. Als unsere Tochter Anic dann ein Austauschjahr machen wollte, nahmen wir an einer Infoveranstaltung von YFU teil, und dort wurde uns dann auch gesagt, dass noch zwei Austauschschülerinnen aus Uruguay eine Gastfamilie suchten. Das war dann der Auslöser dafür, dass wir uns ernsthaft Gedanken darüber machten, eine Schülerin bei uns zu Hause aufzunehmen. Es ging dann alles sehr schnell. Zuerst sahen wir den Zeitpunkt als nicht besonders geeignet, da wir dachten, wir hätten nicht genug Zeit für noch ein Familienmitglied. Aber dann entschieden wir uns doch, Lucía aus Uruguay aufzunehmen. Zum einen sahen wir diese Möglichkeit als gute Vorbereitung für Anic, und zum anderen wollten wir selbst miterleben wie es ist, Gastfamilie zu sein. Zudem verstanden wir, dass die Idee des Austausches auf Gegenseitigkeit beruht.Mit welchen Erwartungen seid ihr das Jahr angegangen? Inwieweit haben sich diese erfüllt/nicht erfüllt? Und wie verliefen dann die ersten Tage? Wir freuten uns alle sehr auf die Ankunft von Lucía. Wir überlegten uns, was wir alles mit ihr unternehmen könnten, aber es war dann doch nicht ganz so einfach wie wir dachten. Am Anfang hatten wir einige Sprach- und Verständnisprobleme mit ihr, da sie gar kein Wort Deutsch sprach und in unserer Familie nicht alle besonders gut Englisch sprechen. Weil für Lucía alles noch so neu war, haben wir einen kleinen Plan für die erste Woche erstellt, damit sie nicht allein war. Im Gesamten haben wir die gegenseitige Anpassungszeit eher etwas unterschätzt. So haben wir uns dann z.B. gewundert, dass Lucía beim Autofahren oft schlief. Da wir das von unseren eigenen Kindern nicht gewohnt waren, fanden wir dieses Verhalten etwas merkwürdig. Später fanden wir dann heraus, dass es Lucía schlecht wird beim Autofahren und sie deswegen schnellstmöglich einschläft. Da wurde uns bewusst, dass wir unsere eigenen Gewohnheiten nicht einfach auf sie übertragen konnten und dass sie, wie schon erwähnt, mehr Zeit brauchte, um sich an alles zu gewöhnen. Hat sich Lucía eingelebt? Und inwiefern nicht? Am Anfang gab es kaum Schwierigkeiten mit ihr. Sie war mit allem immer einverstanden und führte als einzige ihre aufgetragenen Aufgaben im Haushalt auch wirklich regelmässig aus. Wir empfanden sie zu Beginn mehr als einen Gast, da sie neu bei uns war. Darum waren wir uns auch nicht so sicher, ob wir ihr alles über den Haushalt (wie wir was machen usw.) gleich erklären sollten. Aber dann erklärten wir doch von Anfang an alles, auch wenn es für uns manchmal merkwürdig erschien. Es ging dann relativ schnell, bis sich Lucía an unsere Gewohnheiten angepasst hatte, auch wenn wir uns gewünscht hätten, dass sich unsere Kinder auch ein bisschen mehr an ihre Gewohnheiten anpassten. Sie räumte z.B. am Anfang immer alles sofort weg und hielt immer Ordnung im Zimmer. Doch mit der Zeit lagen dann auch Lucías Schuhe etwas quer in der Garderobe herum und ihr Zimmer wurde auch ein wenig unordentlicher.Was waren die Höhepunkte des Jahres? Wir erlebten viele Höhepunkte zusammen. Wir erlebten viele schöne gemeinsame Aktivitäten, besonders gefielen uns jedoch auch die Diskussionen mit ihr. Wir konnten mit Lucía über Gott und die Welt sprechen und zu unmöglichsten Zeiten über das Leben philosophieren. Des Weiteren fanden wir es dann schön, als sie gegen Ende des Austauschjahres Schweizerdeutsch lernen wollte und selbst merkte, dass sie sich hier eingelebt hatte. Sie war selbstständiger geworden und hatte auch Deutsch gelernt. Nach einer Weile begann sie sogar, unser Hochdeutsch zu korrigieren... Hattet ihr Schwierigkeiten oder Stolpersteine? Anfangs hatte sie einmal Heimweh, das hatte sie aber innert Kürze überwunden. Lucía hatte sich sehr auf den Schulstart gefreut. Die Klassenkameraden verhielten sich jedoch eher zurückhaltend, was Lucía enttäuschte. Denn sie war sich gewohnt von Uruguay, dass Austauschschüler mit grossem Drum und Dran empfangen werden. Darum war sie anfangs nicht so motiviert. Mit der Zeit und der Unterstützung der Gastmutter lebte sie sich in der Klasse aber recht gut ein. Als Lucía dann anfing, mit ihren neuen Freunden abends auszugehen, war es am Anfang für die Gasteltern etwas schwierig, die grosse Verantwortung zu übernehmen, die sie ja eigentlich auch ihren Eltern gegenüber hatten. Da die Abmachungen von Lucía jedoch immer eingehalten wurden, entstand ein grosses gegenseitiges Vertrauen zwischen Gasteltern und Austauschschülerin, was dann alles auch erleichterte. Wenn wir zusammen am Tisch sassen und uns unterhielten, nahm Lucía am Gespräch oft nicht teil, was uns etwas enttäuschte. Wir unsererseits bemühten uns, Hochdeutsch zu sprechen für Lucía. Wir hatten manchmal das Gefühl, dass sie diese Anstrengungen nicht wirklich würdigte. Das war für uns dann ein wenig frustrierend. Oft wird zu wenig beachtet, dass Hochdeutsch für die Schweizer beinahe eine Art Fremdsprache ist, wir müssen es den Austauschschülern aber fast als Muttersprache präsentieren und lehren. Lucías Schweigsamkeit am Tisch ist wahrscheinlich auf ihre Essgewohnheiten zu Hause zurückzuführen.Wie hat die Familie profitiert? Wir merkten, dass das Familienleben wirklich wichtig ist, und durch Lucia wuchsen wir alle wieder ein wenig mehr zusammen. Uns wurde zum ersten Mal richtig bewusst, was für Gewohnheiten wir haben und warum wir was tun. Z.B. machten wir uns viel Gedanken darüber, was Schweizer Kultur ist, was wir vorher nicht so bewusst getan hatten. Zudem übertrug sich auch etwas von Lucias Kultur auf uns. Sie hat eine sehr offene Mentalität, die uns sicherlich auch beeinflusste. Was vermisst ihr heute am meisten am Leben mit Lucía? Uns fehlt eine Tochter und eine Schwester. Lucia hat uns viel Wärme in die Familie gebracht, die nun leider fehlt. Natürlich vermissen wir auch ihre südamerikanischen Spezialitäten, die sie gekocht und gebacken hat. Es war schwer für uns, als Lucía ging. Es war wieder ein ganz neuer Anpassungsprozess für uns und uns fehlte einfach Lucía. Wie lautet euer Fazit? Dieses Jahr mit Lucía war für uns alle eine riesige Bereicherung, und wir empfehlen das Gastfamiliensein gerne weiter. Trotz der Herausforderungen, die immer wieder auf uns zukamen, haben wir viel voneinander gelernt und wir möchten die Zeit mit Lucía auf keinen Fall missen. Wir denken, dass neue Gastfamilien offen für neue Kulturen sein sollten und bereit sein sollten, schwierige Situationen auch mal mit Humor zu nehmen. |




Anic dann ein Austauschjahr machen wollte, nahmen wir an einer Infoveranstaltung von YFU teil, und dort wurde uns dann auch gesagt, dass noch zwei Austauschschülerinnen aus Uruguay eine Gastfamilie suchten. Das war dann der Auslöser dafür, dass wir uns ernsthaft Gedanken darüber machten, eine Schülerin bei uns zu Hause aufzunehmen. Es ging dann alles sehr schnell. Zuerst sahen wir den Zeitpunkt als nicht besonders geeignet, da wir dachten, wir hätten nicht genug Zeit für noch ein Familienmitglied. Aber dann entschieden wir uns doch, Lucía aus Uruguay aufzunehmen. Zum einen sahen wir diese Möglichkeit als gute Vorbereitung für Anic, und zum anderen wollten wir selbst miterleben wie es ist, Gastfamilie zu sein. Zudem verstanden wir, dass die Idee des Austausches auf Gegenseitigkeit beruht.
Aufgaben im Haushalt auch wirklich regelmässig aus. Wir empfanden sie zu Beginn mehr als einen Gast, da sie neu bei uns war. Darum waren wir uns auch nicht so sicher, ob wir ihr alles über den Haushalt (wie wir was machen usw.) gleich erklären sollten. Aber dann erklärten wir doch von Anfang an alles, auch wenn es für uns manchmal merkwürdig erschien. Es ging dann relativ schnell, bis sich Lucía an unsere Gewohnheiten angepasst hatte, auch wenn wir uns gewünscht hätten, dass sich unsere Kinder auch ein bisschen mehr an ihre Gewohnheiten anpassten. Sie räumte z.B. am Anfang immer alles sofort weg und hielt immer Ordnung im Zimmer. Doch mit der Zeit lagen dann auch Lucías Schuhe etwas quer in der Garderobe herum und ihr Zimmer wurde auch ein wenig unordentlicher.
Austauschschüler mit grossem Drum und Dran empfangen werden. Darum war sie anfangs nicht so motiviert. Mit der Zeit und der Unterstützung der Gastmutter lebte sie sich in der Klasse aber recht gut ein. Als Lucía dann anfing, mit ihren neuen Freunden abends auszugehen, war es am Anfang für die Gasteltern etwas schwierig, die grosse Verantwortung zu übernehmen, die sie ja eigentlich auch ihren Eltern gegenüber hatten. Da die Abmachungen von Lucía jedoch immer eingehalten wurden, entstand ein grosses gegenseitiges Vertrauen zwischen Gasteltern und Austauschschülerin, was dann alles auch erleichterte. Wenn wir zusammen am Tisch sassen und uns unterhielten, nahm Lucía am Gespräch oft nicht teil, was uns etwas enttäuschte. Wir unsererseits bemühten uns, Hochdeutsch zu sprechen für Lucía. Wir hatten manchmal das Gefühl, dass sie diese Anstrengungen nicht wirklich würdigte. Das war für uns dann ein wenig frustrierend. Oft wird zu wenig beachtet, dass Hochdeutsch für die Schweizer beinahe eine Art Fremdsprache ist, wir müssen es den Austauschschülern aber fast als Muttersprache präsentieren und lehren. Lucías Schweigsamkeit am Tisch ist wahrscheinlich auf ihre Essgewohnheiten zu Hause zurückzuführen.