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Tere! Der September ist nun um, die Schule ist im Gange und der estnische Herbst beginnt sich langsam aber sicher spürbar zu machen… Die Tage werden kürzer, Laub färbt die Landschaft bunt, die Temperaturen sinken von Tag zu Tag... Aber das sonnige Wetter sorgt im Moment für gute Laune. :) Am ersten Monatstag begann das Schuljahr an der Tallinna Muusikakeskkool (TMKK). Dabei kann man es nicht wirklich als Schultag bezeichnen, da wir überhaupt keinen Unterricht hatten. Die Schüler der zehnten Klasse trafen sich um zwölf Uhr im Klassenzimmer, wo die Klassenlehrerinnen auf uns warteten. Schüler und Lehrer, alle waren festlich gekleidet, als wäre man auf einem Abendball. Was mich dabei erstaunte, war der freundschaftliche Umgang von Schülern und Lehrern: Viele brachten den Klassenlehrerinnen Blumen und begrüssten sie mit einer Umarmung. Nach dem fröhlichen Wiedersehen wurden wir erstmal über verschiedene Dinge informiert (wobei ich nicht viel mitbekommen habe) und danach wurden der Klasse die neuen Schüler vorgestellt. Neben Sina, einer Austauschschülerin aus Deutschland, und mir hat es noch einige andere Neue an der Schule. Danach wurden wir aus dem Raum entlassen und die Klassenkameraden begannen schon auf uns zuzukommen. Dabei stellten sie sich immer mit Namen und Instrument vor. :) Nachdem mich zwei Jungs durch die Schule geführt hatten, ging es dann in die Aula, wo der Rektor nach einem kleinen Konzert seine Rede hielt. Auch hier wurden die neuen Schüler wieder nach vorne gerufen, wo wir vom Rektor willkommen geheissen wurden, während die ganze Schule applaudierte. An der Tallinna Muusikakeskkool hat es, wie in den meisten estnischen Schulen, alle Klassen vom ersten Grundschuljahr bis zu den Maturanden der 12. Stufe. Aber da es pro Stufe nur eine Klasse gibt (ausser in der dritten und zehnten), ist sie mit etwa 300 Schülern trotz allem eine kleine Schule. Die in der Sowjetzeit gebildete Schulanlage ist in ziemlich schäbigem Zustand und hätte schon lange renoviert werden sollen. Im A-Haus, dem Hauptgebäude, werden alle akademischen Fächer unterrichtet und dort befinden sich auch die Mensa, Turnhalle und Aula. Das B-Haus ist unser Musikgebäude, wo sich auf vier Stöcken, neben Schulzimmern für Musik-Fächer, mehr als 40 Übungsräume befinden, mit je mindestens einem Flügel. Dann hat es noch das Studentenheim, welches in einem nicht wirklich besseren Zustand ist als das Schulgebäude, für die Schüler, die weit weg wohnen. Neben Mathe, Englisch (je 3), Chemie, Geschichte, Russisch, Sport (je 2) , Physik und Geographie (je 1) besuche ich noch je zwei Stunden Musiktheorie, Musikgeschichte, Solfeggio (Gehörbildung, welches ich in der 4. Klasse besuche), Klavierunterricht und Chor. Estnisch besuche ich nicht in der Klasse, sondern habe zusammen mit Sina Privatunterricht. Im Unterricht verstehe ich mittlerweile worüber es geht, weil die Themen nicht sehr anspruchsvoll sind und ich das meiste in der Schweiz schon gehabt habe. Und die Sachen, die uns diktiert werden, schaue ich jeweils beim Banknachbar ab und lass es mir übersetzten oder mache mir das Wörterbuch zu Nutzen, das ich immer dabei habe. Viel Disziplin haben die Schüler übrigens nicht. So kommt meistens die Hälfte der Klasse zu spät zum Unterricht oder wenn das Telefon klingelt, nehmen sie währen des Unterrichts ab und sprechen ungestört oder gehen einfach mal für zehn Minuten nach draussen. Die Schultage an der TMKK sind meist etwas länger als an gewöhnlichen estnischen Schulen. So hab ich dienstags und mittwochs bis 18.20 Uhr Unterricht, aber dafür beginnt die frühste Stunde erst um 9.00 Uhr und am Donnerstag hab ich frei. :) Die Leute an meiner Schule interessieren sich natürlich alle für Musik, was oft Gesprächsthema Nummer eins ist und üben sehr viel, denn alle möchten ihre Leidenschaft zur Karriere machen. Für mich wird es zwar wahrscheinlich ein Hobby bleiben, aber ich denke, dass diese Schule mein musikalisches Wissen und Können sehr bereichern wird. Die Leute aus der Klasse sind voll nett. Trotzdem war es anfangs schwierig, mit ihnen in Kontakt zu kommen, weil die Esten mit Fremden einen eher kühlen Umgang haben. Inzwischen ist das Eis gebrochen und jetzt beginnt es echt lustig zu werden. Hier gleich anzufügen der estnische Humor ... Die Esten verwenden echt viel Ironie und Sarkasmus, was meistens sehr unterhaltsam ist. Aber zum Teil ist es ziemlich schwierig zu erkennen, ob die Person nun scherzt oder nicht. Mit dem Estnischlernen geht es mittlerweile ganz gut. Ich hab nun in der Familie auch begonnen, Estnisch zu sprechen, aber trotzdem bleibt halt viel Englisch in Gebrauch. Zwar ist das Sprechen noch etwas schwieriger, aber ich verstehe schon recht viel. Und mir wird von Tag zu Tag bewusster, wie schwierig es eigentlich ist. Das Estnische hat zwar keine Geschlechter, keine Artikel und auch kein Futur, aber wohl 14 Fälle, die in Singular und Plural auch unterschiedlich sind und sehr, sehr viele Ausnahmen (oder eher keine wirklichen Regeln...) haben. Aber nun zu meiner Freizeit... Ich habe hier in Estland angefangen mit Kung-Fu, das ich schon in der Schweiz zwei Jahre trainiert habe. Ich gehe jeweils zweimal wöchentlich ins Training. Es ist zwar etwas anders als ich es bisher gelernt habe, aber es macht mir Spass, da ich etwas Sport mache und dabei coole Leute kennen lerne. Am 3. September war ich mit meinem Gastbruder, der ein totaler Fussballfan ist, beim Italien-Estland-Spiel in Tallinn. Ich wusste echt nicht, für wen ich fanen sollte (da ich halb Italiener bin), aber ich habe mich sowohl beim ersten Goal für Estland, als auch nachher beim Ausgleich und dem 2-1 für Italien gefreut. Trotz der estnischen Niederlage war die Stimmung einfach fantastisch, man spürte den estnischen Nationalstolz... Ich hab schon einiges mit den anderen Austauschschülern unternommen. Einmal sind wir zusammen mit den Schülern aus Tallinn und einigen YFU-Volunteers Eis laufen gegangen. Und auch sonst war ich mal mit ihnen im Kino, Pizza essen oder wir sind einfach nur in der Stadt rumgehängt und haben unsere Erlebnisse ausgetauscht. Auch war ich ein paar Mal im YFU Büro, was eigentlich immer total cool ist, weil immer andere Austauschschüler oder YFU-Volunteers dort sind, mit denen man es lustig haben kann. Mit den Leuten von der Klasse war ich bisher zweimal am Freitagabend draussen. Wir waren in der Stadt in einem Pub und es war sehr amüsant und man kommt den Leuten so viel näher als in der Schule. Mit der Familie hab ich natürlich auch einiges unternommen. Anfang September waren wir im Lauluväljak, dort wo das riesige Songfestival stattfindet und in einem Openair Museum, wo alte Häuser aus verschiedenen Teilen Estlands rekonstruiert sind. Dann waren wir zweimal im Wald um Pilze zu sammeln. Anfangs dachte ich, dass sei voll langweilig, aber eigentlich macht es sogar Spass. Dann waren wir letztes Wochenende in Grossmutters Sommerhaus, wo wir Apfel- und Birnensaft gepresst haben, der übrigens der Beste ist, den ich je getrunken habe. Und nach dem „anstrengenden“ Tag waren wir natürlich in der Sauna (so typisch für Estland). Ich hoffe, dass es auch nächsten Monat Vieles zu erzählen gibt… Tsau!
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