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Im Oktober ist viel passiert und es gibt auch viel zu berichten (leider etwas verspätet). Nach den drei Monaten hier in Estland habe ich mich schon gut in der Familie eingelebt. Natürlich ist nicht alles perfekt, aber ich fühle mich wirklich wohl hier und finde Estland auch super. In der Familie sind alle sehr nett. Mit dem Bruder rede ich aber nicht besonders oft, er ist halt 12 Jahre alt und allgemein etwas zurückhaltend. Auch wenn ich versuche ein Gespräch zu beginnen, kommt nicht so viel zurück. Mit den Eltern allerdings unterhalte ich mich recht viel und hauptsächlich auch auf Estnisch. Meistens verbringen wir den Abend zusammen, essen gemeinsam und setzen uns danach vor den Fernseher (Esten schauen meiner Meinung nach sehr viel fern). An den Wochenenden, wenn das Wetter schön ist und wir nichts anderes vor haben, gehen wir meistens irgendwo hin. Anfang Oktober waren wir Sonntags in Kadriorg, der von Gärten und Palästen bedeckter Stadtteil Tallinns, wo sich der Präsidentenpalast, das neue sowie das alte Kunstmuseum und vieles mehr befindet. Das Wochenende darauf fuhren wir zur Gastgrossmutter, etwas mehr als 100 Kilometer von Tallinn entfernt, wo wir einige Arbeiten erledigten, wie Rasenmähen und Holzsägen. Wie gewohnt erholten wir uns abends in der Sauna, wo sich mein Gastbruder unglücklicherweise den Fuss verbrannt hat und deswegen ins Spital gebracht werden musste. Und so verbrachte er die nächsten zwei Wochen zuhause, während ich brav zur Schule ging. Obwohl es mit dem Estnisch immer besser wird, bleibt der Unterricht ziemlich langweilig. Der Unterricht ist frontal, also der Lehrer spricht und die Schüler machen sich Notizen, was sehr anstrengend ist. Selbst wenn ich die Sachen von jemandem abschreibe, verstehe ich nicht wirklich viel. Mathe und Englisch sind die einzigen Fächer, in denen ich ziemlich alles verstehe und mitmache. In Geschichte bekommen Sina und ich meistens individuelle Aufträge über die Geschichte Estlands. Im Russisch, was ich vorher noch nie gelernt habe, ist die Lehrerin total froh, dass ich hingehe und versuche mitzumachen. In Physik und Geographie haben wir manchmal kleine Partneraufgaben, die ich meistens mitmache und auch hier freut sich die Lehrerin immer, auch wenn ich nicht wirklich gut in Physik bin. In Chemie ist es für mich fast unmöglich, mich am Unterricht zu beteiligen, der Lehrer bemerkt glaube ich nicht einmal, dass ich da bin. Auch von den Musikfächern profitiere ich wegen der Sprache noch nicht so viel. Aber die Lehrer geben sich auch Mühe, mir und Sina zu helfen. Ich finde es gut, dass wir die Möglichkeit haben, Solfeggio in der 4. Klasse zu besuchen, was sehr viel verständlicher ist. In Musik- und Kunstgeschichte bekommen wir zusätlich zu den Powerpoint-Bilderpräsentationen ein ziemlich kompliziertes, englisches Buch über das momentane Thema, mit dem wir uns einen Einblick verschaffen können. Auch in Musiktheorie versucht der Lehrer ab und zu Dinge auf Englisch zu erklären, aber trozdem verstehe ich nicht wirklich viel. Am nützlichsten ist aber der Klavierunterricht, da ich zwei Lekionen pro Woche habe und meine Lehrerin auch fliessend Deutsch spricht. Allgemein übe ich hier in Estland auch viel mehr, obwohl ich selbst kein Klavier zu Hause habe (was ich vom Musikprogramm eigendlich erwartet hätte). Ich denke aber, dass sich das Musikprogramm gegen Ende mehr und mehr auszahlen wird. Am 16. Oktober - genau drei Monate nach unserer Ankunft - fand in Tallinn und Tartu das erste Austauschschülertreffen statt. Dabei trafen sich Eltern und Schüler getrennt, um über die bisherigen Erfahrungen zu diskutieren. Es war ziemlich gut, zu sehen, wie es den anderen geht und sich mit ihnen austauschen zu können. Auch einige Schulaktivitäten fanden im Okober statt. Am Monatsanfang hatten wir „õpetajatepäev“ (Lehrertag), wo die Zwölftklässler den Unterricht gehalten haben. Neben der Eröffnungsfeier mit einem Konzert in der Aula hatten wir nur eine Stunde Solfeggio, wo wir in Gruppen selbst ein Lied schreiben und das dann performen mussten. Ich glaube, dass war überhaupt die erste wirkliche Gruppenarbeit, die wir in der Schule gemacht haben. Ein interessanteres Schulereignis war das “rebaste retsimine“ (Fuchswoche), das zeigte, wie crazy die Esten und ihr Humor sind. Eigentlich sollten wir am „Gümnaasium“ willkommen geheissen werden, aber in Wirklichkeit ging es eher darum, dass die Zwölftklässler (=Wölfe) sich lustig über uns Zehntklässler (=Füchse) gemacht haben. Der Unterricht fand zwar nach Stundenplan statt, wir hatten aber jeden Tag ein Thema, wonach wir uns kleiden mussten und in den Pausen erwarteten uns meistens irgendwelche Spiele. Ich habe von meiner Familie und den Zwölftklässlern auch etwas Hilfe bekommen mit den Outfits etc... Die ganze Woche war zwar etwas extrem, doch es war schon ein interessantes Erlebnis. Ich fand es cool, wie alle mitgemacht haben. Denn wenn alle so peinlich aussehen, ist es schon wieder lustig. Und dabei kommt man auch den Leuten aus der Klasse näher. Ich muss sagen, dass ich es in den darauf folgenden Schulwochen sogar etwas vermisst habe. Zusammen mit einigen andere Austauschschülern hatte ich im YFU Office ein Interview, wo wir über Estland berichteten (http://www.youtube.com/watch?v=Bkd7Pt0IbZ0). Das war für die YFU Konferenz Ende Oktober, die in Tallinn stattfand und wo Geschäftsleiter aus aller Welt anwesend waren. Die Woche nach dem “rebaste retsimine“ waren Schulferien. Sonntags ging ich mit meinen Eltern zu einer Chopin-Gala in der Nationaloper ESTONIA. Für 100 Kronen (ca. 9 Fr.) hörte man etwa ein Dutzend Pianisten verschiedene Klavierwerke von Chopin spielen. Und ich war so erstaunt, als ich auch Leute aus meiner Schule, davon zwei aus meiner Klasse, habe auftreten sehen. Da meine Eltern unter der Woche arbeiten mussten, habe ich die Zeit mit einigen andern Austauschschülern verbracht. Am Dienstag bin ich mit dem Bus nach Tartu gefahren, der zweitgrössten Stadt Estlands, wo ich mich mit einer Austauschschülerin und zwei Leuten aus ihrer Klasse getroffen habe. Mittwochs gingen wir etwa zu acht nach Rapla und sind da in die Sauna gegangen – allerdings ist Sauna im Schwimmbad nicht das selbe wie eine eigene. Donnerstags hatten wir mit dem YFU Chor einen kleinen Auftitt an der „eesti öö“ , was Teil der YFU Konferenz war und wo den YFU Geschäftsleitern die Estnische Kultur nähergebracht wurde und wo Musik und Tänze dazugehörten. Ausserdem hab ich auch die Geschäftsleiterin von YFU Schweiz kennengelernt. Übers Wochenende bin ich zu einem Austauschschüler aus Mexico gegangen, der in Jõgeva wohnt. Die Ferien waren zwar kurz, aber immerhin etwas. Ah und noch etwas kleines zum Wetter... Im Oktober gingen die Temperaturen schon oft unter Null, auch fiel der erste Schnee, der allerdings nur einige Tage blieb. Und es wird echt von Tag zu Tag kälter und dunkler... Liebe Grüsse Stefano
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