Sandra in Russland: September 2009

September 2009

 

Die Zeit vergeht hier sehr schnell, denn ich bin nun schon seit einem ganzen Monat in Russland. Nunja, vielleicht erscheinen einem vier Wochen im Ausland einfach kürzer als ein gewöhnlicher Monat zu hause, denn es ist alles neu und es gibt vieles, was man noch nicht gemacht hat. Wenn ich jetzt an meine letzten Tage in der Schweiz zurückdenke, scheint mir das alles lange her zu sein. Aber ich denke nicht gerne an diese Tage zurück, besonders nicht an den letzten, um damit wahrscheinlich schon Deine Frage nach dem Heimweh zu beantworten: Eigentlich geht es mir noch ganz gut - nur wenn ich an den besagten Tag zurückdenke, kommt ein Teil des Abschiedschmerzes zurück: Ich wäre während den letzten Minuten auf dem Flughafen am liebsten weggerannt und hätte mich irgendwo versteckt. Es schien mir zu diesem Zeitpunkt einfach undenkbar, dass ich gerade meine Freunde und Familie für ein Jahr das letzte Mal gesehen hätte. Doch je mehr Abstand der Flieger zwischen mich und die Schweiz brachte, desto mehr verdrängten Vorfreude und Neugierde die Angst und den Abschiedsschmerz.

Als ich schliesslich ziemlich müde in Kazan ankam (ich verstehe nicht, dass es Leute gibt, die im Flugzeug schlafen können), musste ich über den Flughafen oder  besser gesagt "das Flughäfchen" grinsen. So ein grosses Land und so ein kleiner Flughafen. Aber gut, Kazan ist ja auch nicht Moskau. Nach meiner Ankunft wurde ich von einer YFU Mitarbeiterin, welche selbst mal ein Jahr in Norwegen verbracht hatte, abgeholt. Wir würden noch einige Stunden in Kazan verbringen, was ich gar nicht mal so schlecht fand, denn ich konnte nun etwas Schlaf nachholen und danach Kazan ein wenig erkunden, um mir, nachdem ich vieles über die Stadt im Internet gelesen hatte, ein eigenes Urteil zu bilden. Kazan selbst gefiel mir zwar von den Sehenswürdigkeiten sehr gut, denn besonders die Kirchen sind hier viel schöner gearbeitet als bei uns zuhause, aber sonst vermisste ich in der Stadt ein wenig das Grüne. Deshalb war ich am Ende auch froh, als wir am Abend endlich nach Novocheboksarsk aufbrachen. Die Fahrt dorthin dauerte sehr lange, doch war ich zu aufgeregt um Schlaf zu finden (nochmals: sitzen und schlafen geht bei mir nicht).

 Da es schon dunkel war, konnte ich nicht viel von der Stadt sehen als mir gesagt wurde, dass wir da wären, aber wieder war ich sehr müde und wollte einen Stadtrundgang sowieso lieber auf den nächsten Tag verschieben. Endlich, nachdem ich nun schon fast 24 Stunden unterwegs war, durfte ich meine Gastfamilie kennenlernen. Die Begrüssung fiel sehr herzlich aus und ich fühlte mich gleich wohl. Meine "neue" Familie besteht aus meiner Gastmutter Lena und meiner kleinen Gastschwester Yulia. Mit der Kommunikation gab es auch keine Probleme, da meine Gastmutter eigentlich perfekt deutsch spricht. Natürlich muss ich mich zusammenreissen damit ich nicht die ganze Zeit deutsch spreche, denn ich bin ja hier, um russisch zu lernen, aber um die Anfangszeit besser zu überstehen ist es schon hilfreich, wenn man nicht immer mit den Händen und Füssen wie ein Affe gestikulieren muss um dem Gegenüber zu sagen, dass man eine Tasse Tee möchte. Meine Gastschwester spricht aber kein Deutsch, weshalb ich bei ihr von Anfang an immer wieder russische Wörter aufschnappen konnte.

 Vor lauter Aufregung habe ich natürlich meine bisherigen, wenn auch sehr bescheidenen, russisch Kentnisse total vergessen. Als mich beispielsweise jemand an meinem zweiten Tag "Kak tibja sawut?" (zu deutsch: Wie heisst du?) fragte, antwortete ich "Charascho" was "gut" bedeutet. Nachdem ich nun aber mein Hirn wieder eingeschaltet habe, geht es mit dem Verständnis zumindest immer weiter bergauf. So kann ich zumindest schon zum Teil herausfinden, was die Charaktere in der Lieblingssendung meiner Gastschwester von sich geben und warum sie sich gerade anschreien. In den ersten Tagen konnte ich jedoch nicht viel mehr als "Ja ni panimaju" ("Ich verstehe nicht") von mir geben; die Leute halfen mir, indem sie ihre Frage ganz langsam (sprich jede Silbe einzeln) stellten und mit den Händen zeigten, was sie meinten. Inzwischen verstehe ich die meisten Fragen auch so, ohne das man gleich einen halben Stummfilm vorführen muss (obwohl das zugegebenermassen recht amüsant war). Leider spreche ich immer noch sehr schlecht und wenig, und wenn ich mal etwas sage, dann dauert das meistens so lange, dass mein Gegenüber schon wieder vergessen hat, was seine ursprüngliche Frage war. Aber ich glaube die Meisten finden das ziemlich lustig und natürlich wird immer gerne über den als Tourist obligatorischen "Pischu - Pisaju" Fehler gelacht. Zur Erklärung: Es gibt den Infinitiv "Pisat" zweimal, jeweils mit leicht anderer Betonung, konjugiert wird das Verb aber unterschiedlich. Sagt man zum Beispiel "Ja pischu" heisst das "Ich schreibe". Die andere Variante dieses Verbes bedeutet zu deutsch "pinkeln". Man kann sich die Reaktion, als ich auf die Frage wie ich mit meinen Freunden und Verwandten in Kontakt bleibe mit "Ich pinkle Emails" antwortete, wohl vorstellen. Aber ich schätze mal, dass muss jedem Neuling in Russland mal passieren.

 Am 1. September fing dann die Schule an. Ich besuche die Schule Nummer sechs (von insgesammt zwanzig, mit kreativen Namen hat man es hier nicht so, lieber praktisch denken) und gehe dort zusammen mit meiner Gastschwester in die Klasse. Dazu muss man bemerken, dass meine Schwester 11 ist, folglich falle ich dort ziemlich auf. Das Sprachproblem überbrückt dieser Unterschied auch nicht wirklich, denn vom Unterricht verstehe ich eigentlich gar nichts. Es ist aber auch schwierig mitzukommen, denn in Russland ist es eher so dass die Lehrer reden und die Schüler 45 Minuten dasitzen und zuhören. Natürlich ist das in der Schweiz auch so, aber dort gibt es mehr aktive Beteiligung und mehr Aufgabenblätter, womit ich mich hätte orientieren können.

 Da ich aber nicht 45 Minuten dasitzen und den Lehrer mit grossen, verständnislosen Augen anglotzen möchte, nutze ich die Zeit immer, um russische Grammatik und Wörter zu büffeln.

Das die Lehrer eigentlich einfach nur einen 45minütigen Vortrag halten ist aber nicht der einzige Unterschied zu beispielsweise meiner Schule in der Schweiz. Während in der Schweiz Jeans schon fast wie eine Schuluniform von jedem getragen werden, sind sie hier strickt untersagt. Schwarze-weiss lautet die Ordnung, die Jungen tragen Anzüge. Ausserdem hat man hier nur knapp 20 Minuten Zeit um etwa zu essen, also keine lange Mittagspause. Wenn man dann 7 oder 8 Stunden hat, kann der Schultag schon ziemlich lang und mühsam werden, dafür endet er aber auch schon um drei oder vier Uhr und man kann sich anderen Dingen widmen (das heisst nachdem man sich durch den Berg von Hausaufgaben gearbeitet hat, von denen es gar nicht genug geben kann).

 Ein grosses Ereignis stand schon sehr bald nach meiner Ankunft an, denn der jüngere Bruder meiner Gastmutter feierte seine Hochzeit. Ich bekam schon ein paar Tage nach meiner Ankunft kurz einen Teil einer Hochzeit mit, als nämlich plötzlich eine Horde Menschen vor dem Haus neben uns stand und der Bräutigam "Ja tibja lublju" ("Ich liebe dich") zu seiner Braut hochrief, die in ihrer Wohnung auf ihn wartete. Als ich dasselber Ritual bei der Hochzeit des besagten Bruders miterlebte war ich also schon vertraut damit. Das sind aber nicht die einzigen Bräuche einer russischen Hochzeit und sie waren alle sehr spannend wenn auch manchmal sehr ungewohnt.

Da bei der Hochzeit alle Verwandten anwesend waren, lernte ich gleich alle Tanten, Onkels, Cousins und Cousinen aus ganz Russland kennen, deren Namen alle ich gar nicht die Zeit hatte mir zu merken. Alle waren sehr nett und ich wurde schon hierhin und dorthin eingeladen um in den Ferien vorbeizuschauen.

 Da ich mit meiner elfjährigen Gastschwester in die Klasse gehe, hatte ich zuerst Angst, dass ich niemanden kennenlernen würde, der in meinem Alter ist. Ihre Freunde sind zwar alle sehr nett und sehr geduldig wenn es darum geht, mir russisch beizubringen, aber ich wollte dann doch noch jemanden kennenlernen, mit dem ich ein bischen mehr reden und machen konnte. Deshalb war ich auch umso glücklicher und überrascht, als ich plötzlich von einem Mädchen angesprochen wurde, welche die zehnte Klasse besucht. Sie hatte sich nämlich schon darauf gefreut, "die aus der Schweiz" kennenzulernen. Dank ihr kenne ich mich schon ein wenig besser mit der russischen Kultur aus und habe schon einige Dinge unternommen. Diese Offenheit ist es, die ich an den Leuten hier mag.

 Vielleicht sollte ich noch etwas über meine Stadt Novocheboksarsk erzählen. Das heisst nein, ich fange lieber mit der Nachbarstadt Cheboksari an (Novocheboksarsk = neues Cheboksari). Cheboksari ist eigentlich der Ort, wo alle hingehen weil in Novocheboksarsk nichts los ist. Und dennoch: Wenn Sie die Leute aus Cheboksari nach der Grösse ihrer Stadt fragen würden, so bekämen Sie die Antwort, das Cheboksari "ein kleines Dorf" sei. Als ich das hörte, habe ich mich nur gefragt: "Wenn Cheboksari ein Dorf ist, was ist dann Novocheboksarsk? Und was wäre dann meine Heimatstadt Bülach?". Denn Novocheboksarsk hat schon 10 mal so viele Einwohner wie Bülach und Cheboksari - nun in der Schweiz wäre es sicher kein Dorf.

Obwohl Novocheboksarsk also noch kleiner als ein Dorf ist, gibt es hier einige Sachen die man unternehmen kann: Es gibt einen riesigen Park, Fussballstadien, Eishallen, viele Geschäfte und ein grosses Kino. Aber um richtig auf Frauenart shoppen zu gehen, muss man schon nach Cheboksari fahren. Das dauert zwar manchmal je nach Verkehr ziemlich langem, doch es lohnt sich.

 Meine Gastmutter liebt Fremdsprachen und ich war deshalb nicht verwundert, als sie mir von ihrem eigenen kleinen Sprachkursbüro erzählte, welches sie zusammen mit einer Freundin betreibt. Dort werden englisch, deutsch und französisch Kurse angeboten. Da sie meinte, dass ich ziemlich gut englisch spreche, sollte ich doch mal mitkommen und so auch ein wenig russisch lernen. Das soll jetzt übrigens keine Angeberei sein. Nein, es ist wirklich leider so, dass die Leute hier sehr schlecht englisch sprechen. Zwar steht englisch in den meisten Schulen auf dem Stundenplan und an meiner Schule wird die Sprache beispielsweise seit dem ersten Schuljahr unterrichtet, aber irgendwie vergessen die Schüler alles in der Stunde gelernte vom Weg von der Schulbank zur Tür wieder. Zu hause in der Schweiz und in anderen Ländern ist es wohl einfach offensichtlicher Englisch zu lernen, da zumindest ich persönlich viel reise und das Englisch brauchen kann. Aber viele hier haben Russland noch gar nie verlassen und zum Teil nicht mal wirklich die Republik. Deshalb ist der Mangel an Motivation wohl verständlich.

 Gegen Ende des Monats werde ich schon ein wenig ungeduldig, denn ich bin immer noch gespannt darauf, endlich in eine ältere Klasse zu gehen und mit meinen Sprachkentnissen weiterzukommen. Denn irgendwie habe ich den Dreh zum richtig russisch zu lernen noch nicht so raus, aber wahrscheinlicher ist es ganz einfach und ich muss einfach nur reden, reden und nochmals reden (russisch versteht sich ;)).

Bis nächsten Monat!

 

 

 
12:55 | 04.Februar 2012