Sandra in Russland: November 2009

Dieser Monat startete gleich mit einer Bombe und entwickelte sich dann zu einer richtigen Achterbahnfahrt der Gefühle. Um ehrlich zu sein, habe ich in diesem Monat mehrmals zum ersten Mal an einen Abbruch gedacht, weil ich manchmal einfach zu verzweifelt war. Aber ganz von vorne:

Es war am Frühstückstisch am ersten Tag des Monats als meine Gastmutter besagte Bombe platzen liess: Sie war der Meinung, dass es zwischen uns nicht funktionieren würde und mein Volunteer bereits nach einer neuen Gastfamilie für mich suchen würde. Wumm. diese Nachricht traf mich voll und ich war erstmal ziemlich baff. Es ist schon ein wenig merkwürdig wenn man am ersten Tag der Ferien schön frühstücken will und dann so was hört. Deshalb hörte ich erstmal nur etwas verwirrt zu, was meine Gastmutter zu diesem Schritt bewegt hat: Probleme mit der Kommunikation, besonders mit meiner kleinen Gastschwester. Gut das war eigentlich nicht so neu für mich: Vor einer Woche hatte ich ein Gespräch mit Katja, meinem Volunteer, die  mir sprechen wollte, weil meine Gastmutter mit ihr telefoniert und ihr ein bisschen von ihren Sorgen berichtet hatte. Zwischen mir und meiner kleinen Gastschwester stimmte die Kommunikation einfach nicht so. Viel näher möchte ich darauf gar nicht eingehen, es wurde von beiden Seiten einfach viel zu wenig aufeinander zugegangen. Das war eigentlich der Hauptgrund, es folgten noch ein paar andere Kleinigkeiten gepaart mit vielen Missverständnissen, die aber nie mit mir sondern einfach mit allen anderen besprochen wurden. Gut - ich würde also die Familie wechseln. Um ehrlich zu sein: Im ersten Moment war ich gar nicht so traurig. Ich sagte mir selbst, dass es wohl besser so sei und empfand auch die ganze nächste Woche so, bis schliesslich Katja anrief und mir berichtete, dass sie eine neue Gastfamilie für mir gefunden hätte und ich noch am nächsten Tag umziehen würde - nach Cheboksary. Zuerst gefielt mir der Gedanke: Cheboksary ist eine coole Stadt wo man mehr unternehmen kann. Also packte ich all mein Zeug und freute mich sogar ein wenig auf den Umzug, und am Samstagabend holte mich Katja dann auch ab. Ich verabschiedete mich von meiner Gastfamilie mit gemischten Gefühlen. Einerseits war ich froh, anderseits immer noch etwas enttäuscht, dass man mich, um es mal krass auszudrücken, einfach so vor die Tür setzte, andererseits war ich gespannt auf einen Neuanfang. Wir verblieben so, dass ich meine alte Familie immer besuchen kann, wenn ich will und wir vielleicht sogar in den Ferien etwas gemeinsam unternehmen würde. Und dann ging es schon los Richtung Cheboksary, hoffentlich in Richtung eines guten Neuanfanges. Da wusste ich noch nicht, dass der nächste Tag und die ganze nächste Woche eine der schlimmsten bisher werden würde.

 

Ich wurde von meiner neuen Gastschwester empfangen. Sie ist 24 und arbeitet in einer Sprachschule, wo sie englisch unterrichtet. Okay, das war wohl schon viel besser als eine deutschsprechende Gastmutter, jedenfalls für meine immer noch bescheidenen russisch Kenntnisse (welche aber immer besser werden, was mir im letzten Monat aufgefallen ist). Als sie mir die Wohnung zeigte wusste ich, dass meine alte Gastfamilie eher zu den besser lebenden Leuten in Russland gehörte, denn diese Wohnung war bedeutend kleiner und ich fühlte mich gleich etwas schuldig als mir gesagt wurde, dass mein Gastbruder auf der Couch schlafen würde. Ich schlief zusammen mit meiner Gastmutter und Gastschwester in einem Zimmer und bekam sogar das einzige Bett. Wenn ich es nicht schon von der Art, wie mich meine Gastschwester gleich begrüsste, wusste, dann hätte ich jetzt gemerkt, wie liebevoll und freundlich diese Familie ist.  Und auch eine neue Gastkatze gab es hier.

Ein bisschen seufzen musste ich, als ich erfuhr, dass man hier von Hand wäscht. Aber um ehrlich zu sein, ist das gar nicht mal so untypisch für Russland und es würde mir bestimmt mal gut tun, das alles selber zu machen, ohne die Hilfe von Mama und der Waschmaschine :)

 

Von daher könnte man also meinen, dass ich voller Optimismus in mein neues Leben startete. Aber es sollte ganz anders kommen. als ich nämlich am Sonntagmorgen erwachte hatte ich nur einen Gedanken im Kopf: HILFE! Alles traf mich auf einmal: Kulturschock, Heimweh und die Frustration über das Scheitern mit der ersten Gastfamilie. Den restlichen Tag verbrachte ich eigentlich nur mit etwas: Heulen. Oh ja und wie ich geheult habe. Eigentlich könnte man ja erwarten, dass man irgendwann einfach keine Wasserreserven mehr hat. Aber bei mir wurden die Schleusen eines richtigen Stausees geöffnet. Meine Gastschwester versuchte zwar alles, um mich aufzuheitern, aber ich war einfach nur noch fertig und froh, als ich mich am Abend ins Bett legen konnte. Zum Glück begann am Montag wieder die Schule, weshalb ich mich ablenken konnte. Doch es wurde kein bisschen besser.

Ich will ehrlich sein: In dem Moment hätte ich am liebsten alles hingeschmissen, wäre ins nächste Flugzeug gestiegen und zurück in die Schweiz geflüchtet. Auch in der Schule konnte ich an nichts anderes denken. Nach einer Weile hatte ich nur noch eines im Kopf: Zurück zur alten Gastfamilie. Das habe ich dann um ehrlich zu sein, den ganzen Monat versucht. Ich war bei meiner alten Familie, hab mit ihnen gesprochen, die Missverständnisse aufgeklärt und war super glücklich, als sie mir sagten, dass sie mich gerne zurückhätten. Katja wollte jedoch, dass wir noch ein wenig warten, bis ich mich an die neue Situation gewöhnt hatte. Und das war im Nachhinein wirklich das Beste, was wir machen konnten, auch wenn ich es damals noch nicht so sah. Ich will hier gar nicht so ausführlich werden, deshalb erzähle ich gleich mal das Ende vom Lied: Am Ende traf ich mich mit Katja und musste erfahrne, dass mich meine alte Gastfamilie doch nicht zurückwollte. Wumm. Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Zuerst wollte ich es nicht wahrhaben und sprach nochmals mit meiner alten Gastfamilie, welche es sich nochmals überlegen wollten. Nachdem ich dann das zweite Mal die Abfuhr via Katja bekommen hatte wusste ich, dass es vorbei war.

 

Im Nachhinein komme ich mir wie ein richtiger Trottel vor. Einerseits habe ich der neuen Familie gegenüber sehr respektlos und undankbar gehandelt, indem ich einfach nur zurück wollte, andererseits habe ich meine alte Gastfamilie wohl unter Druck gesetzt, weil ich auch bei ihnen die Tränen nicht zurückhalten konnte und sie wohl nur deshalb gesagt haben, dass sie darüber nachdenken werden. Und dann gleich zweimal eine Klatsche via Volunteer zu bekommen ist schon ein dummes Gefühl. Im ersten Moment war ich traurig, im zweiten wütend, wütend auf alles, auf mich, auf meine Situation, auf meine alte Gastfamilie die mir nicht mal selbst ihre Entscheidung mitteilen konnte. Dann aber sah ich ein, dass ich wohl grösstenteils auf mich selbst wütend war. Meine alte Gastfamilie hatte schliesslich auch ihre Gründe und auch wenn ich bis jetzt nicht ganz damit einverstanden bin, dass einfach nicht mit mir geredet wurde (auch vor dem Tausch) sondern nur hinter meinem Rücken, verstehe ich sie nun besser und akzeptiere ihre Entscheidung. Es war wohl wirklich besser so.

 

Ich versuchte also die Situation so zu nehmen, wie sie war und das Beste darauf zu machen, schliesslich war das mein Jahr und meine Gastfamilie versuchte wirklich, mich bei ihnen aufzunehmen. Mit ihnen würde es vielleicht auch leichter werden, denn sie hatten bereits letztes Jahr einen Austauschschüler aus Deutschland, der ein richtiger Teil der Familie wurde. Meine Gastschwester hat ihn auch im Sommer in Deutschland besucht und sie telefonieren alle zwei Wochen miteinander, seine Familie kommt sogar im Sommer hierher.

Eigentlich könnte alles also wunderbar sein, aber dennoch bin ich immer noch nicht ganz so glücklich. Das grösste Problem ist wohl der Umzug in eine neue Stadt. Zwar ist Cheboksary nur etwas 30-40 Minuten mit der Marschrutka von Novocheboksarsk entfernt, aber es ist dennoch jeden morgen mühsam, in die Schule nach Novi zu fahren. Ausserdem habe ich mittlerweile richtig gute Freunde gefunden, die aber alle in Novocheboksarsk leben. Und irgendwo muss ich dann auch sagen, dass einmal 30 Minuten zwar nicht viel sind, aber wenn ich beispielsweise nach der Schule nach hause und dann nochmals nach Novocheboksarsk und zurück fahre sind das schon rund 2-3 Stunden die ich am Tag nur mit dem Transport verschwende, vom Ticketpreis ganz zu schweigen (der zwar in Russland sehr billig ist, aber sich dann dennoch zählt, 6 Tage die Woche).

 

Aber ich habe ja gesagt, dass dieser Monat nicht eine Talbahnfahrt sondern eine Achterbahnfahrt der Gefühle war. Denn obwohl dieser Monat einerseits der Schlimmste bisher war, habe ich andererseits doch die Initiative ergriffen und endlich mal meinen Stundenplan geändert. Jetzt besuche ich die zehnte Klasse, in die auch eine meiner ersten Freunde hier geht, Irina. In ihrer Klasse sind alle supernett und ich war in diesem Monat schon mehr im Kino als im ganzen letzten Jahr in der Schweiz. Auch mit dem Austauschschüler aus Deutschland, Alex, habe ich diesen Monat viel gemacht. Ich weiss, ich weiss, das ist eigentlich schlecht, da wir zusammen nur deutsch quatschen. Aber irgendwo brauchte ich einfach mal jemanden, der mich versteht und nicht so "russisch" denkt ;). Und da es ihm genauso ging haben wir einfach mal ein wenig die Geschäfte und Märkte in Cheboksary angeschaut. Da unser russisch ziemlich ähnlich (bescheiden) ist, habe ich doch nicht mehr ganz das Gefühl, dass ich alles falsch mache, denn er ist in seiner  AFS Gruppe immerhin einer der Besten oder zumindest der Fleissigsten. Manchmal ergänzen wir uns auch sehr gut, da er immer andere Wörter kennt als ich und umgekehrt. So können wir manchmal schon schwierigere Sätze bilden, bei denen einfach jeder von uns ein paar Wörter beisteuert.

 

Durch die vielen neuen Bekanntschaften war ich diesen Monat gar nicht so oft zuhause, sondern immer unterwegs. Da ich oft nach Novocheboksarsk ging, kam ich meistens so um neun nach hause, meistens zeitgleich mit meiner Gastschwester Alessia. In meiner neuen Familie spielt sich das Leben sowieso eher am Abend ab neun Uhr ab: Dann kommt nämlich meine Gastschwester und meistens auch meine Gastmutter von der Arbeit. Mein Gastbruder arbeitet in einer Bar und kommt daher meisten so um ein oder zwei Uhr morgens nach hause und geht auch erst so um vier fünf Uhr schlafen. Da sich das Leben wirklich eher abends/in der Nacht abspielt, leidet mein Schlaf ein wenig darunter. Ich bin frühmorgens auch immer die einzige, die aus dem Haus muss. Also versuche ich möglichst lautlos aufzustehen und mich für die Schule vorzubereiten. Alessia steht extra mit mir auf, um mich zu verabschieden. Allgemein ist sie ein richtiger Engel, die mir hilft und mich tröstet, wenn ich Heimweh habe. Ohne sie wäre dieser Monat der reinste Alptraum gewesen, glaube ich.

Sie hat mir auch geholfen, als ich Weihnachtsgeschenke für meine Lieben zuhause eingekauft habe. was ich gekauft habe werde ich jetzt nicht erläutern, denn schliesslich lesen sie auch immer neugierig meine neusten Blogeinträge und ich will ihnen die Überraschung nicht verderben (aber ich chan eu sägä es wird e süässi wiähnachte :)). Leider feiert man hier Weihnachten erst am 7. Januar. Neujahr ist hier sowieso ein wenig wichtiger, das sieht man auch an den "Frohes neues Jahr" Karten, die in den Läden verkauft werden. Wenn man Glück hat findet man unter der riesigen "С новым годом" Nachricht auch noch ganz klein eingekritzelt "и Рождеством", "und frohe Weihnachten". Alex und ich haben uns aber schon entschieden, dass die Russen hier dieses Jahr ein wenig Weihnachten aus Deutschland und der Schweiz erleben werden ;) Zum Beispiel wird jetzt jeden Samstag in der Schule unser kleiner Adventskranz angezündet (Sonntag ist ja zum Glück keine Schule). Und an unserem Weihnachten werden wir wohl irgendwo schön russisch Essen gehen.

 

Auch hoffe ich, dass ich bald mein Paket mit Weihnachtskalendern von zu Hause erhalten werde :=) Die Post hier ist ja nicht die schnellste. Notfalls werden alle Törchen am 24. geöffnet. Den Überschuss an Schokolade werde ich wohl überleben... und sonst habe ich ja hier einen ganz in Schokolade vernarrten Gastbruder (der das Paket dann aber auch von der Post heim schleppen darf - für etwas gibt es schliesslich Männer;)).

 

 
12:46 | 04.Februar 2012