Sandra in Russland: März 2010

Image Der erste Monat im neuen Leben in Russland ist vorbei und mit ihm auch einer der letzten in Russland. In Novocheboksarsk wusste ich nie richtig, wie ich damit umgehen sollte, dass die Hälfte meines Abenteuers schon vorbei ist. Einerseits habe ich immer öfters davon geträumt, wie es wohl sein wird, wenn ich in der Schweiz aus dem Zug/Flugzeug steige und endlich wieder meine Familie und Freunde sehe. Andererseits fühlte ich mich schon richtig wohl in Tschuwaschien und wollte manchmal gar nicht mehr zurück in die Schweiz. Der Sommer stand bald vor der Tür. Die kalten Monate würden bald vorbei sein und ich würde mit meinen Freunden an die Wolga fahren, mit meiner Familie zur Datscha, wo wir Schaschlik essen und die Sonne geniessen würden... Und jetzt sitze ich hier in Lukhowitsy, wo die Temperaturen mittlerweile jeden Tag über die null Grad geklettert sind, sich der Schnee aber immer wieder dagegen gewehrt hat, ganz zu verschwinden und wir deshalb immer wieder kleine "Schneestürme" hatten, einfach, damit die Landschaft doch noch ein wenig weiss bleibt.

Image Irgendwie steht der Schnee, der einfach nicht verschwinden will, symbolisch für mich und meine Gefühle und Erinnerungen. Tschuwaschien, meine Freunde, meine Familie und die ganzen "was wäre wenn" Gedanken lassen mich einfach nicht los und ich schaffe es einfach nicht richtig, hier von vorne zu beginnen. Wenn ich es beschreiben müsste, dann würde ich sagen, dass mein Körper einfach zu müde ist, um nochmals alles zu durchleben, was ich in Tschuwaschien erlebt hatte. Obwohl mein Jahr noch nicht zu Ende ist, hat es mich doch schon sehr geprägt, mit vielen wundervollen, aber auch genauso vielen schlechten Momenten. Ich habe in diesem Monat sehr oft alles revué passieren lassen und habe gemerkt, dass ich mir zwar etwas wirkliches aufgebaut hatte, es aber sehr viel Zeit in Anspruch genommen hat, Zeit, die ich hier einfach nicht mehr habe. Ich habe nun nur noch drei Monate vor mir und irgendwie bin ich einfach gerade sehr unmotiviert. Ich weiss nicht mal selbst genau, warum das so ist. Einerseits hatte ich in diesem Monat oft mit dem Heimweh zu kämpfen, sei es mit dem Heimweh nach der Schweiz oder mit dem nach Tschuwaschien. Ich habe mir oft vorgestellt, wie es wäre, wenn das alles gar nicht passiert wäre und ich immer noch mit Anja zusammen jeden Abend über irgendwelche Dinge lachen würde, die wir an diesem Tag erlebt hatten oder mit meiner Gastoma Deutsch üben würde. Ausserdem träume ich in letzter Zeit sehr oft von zuhause, von meiner Ankunft, von meinen Freunden und von alldem, was mich wohl erwarten wird.

Diese Dinge sind also nicht grade sehr hilfreich, mich zu einem Neustart hier zu motivieren. Auch wurde in letzter Zeit immer wieder der "es sind ja nur noch..." Gedanke immer stärker. Es sind ja nur noch vier Monate - lohnt es sich also überhaupt, sich noch gross zu bemühen? Ich weiss, dass dieser Gedanke komplett falsch ist und ich gerade WEIL es nur noch vier Monate sind alles ausprobieren und machen sollte, was ich noch nicht gemacht habe. Aber irgendwie bin ich einfach zu ausgepowert vom Stress in der letzten Zeit, als dass ich mich noch gross bemühen könnte.

Image So bin ich eigentlich den ganzen Monat nur in die Schule gegangen und danach nach hause, wo ich gelesen, Fernseh geguckt oder mich gelangweilt habe. Freunde habe ich hier noch keine. Es fällt mir einfach sehr schwer, auf Leute zuzugehen. Auch sind die Menschen hier sehr anders als in Tschuwaschien. Dort war es noch relativ einfach, neue Leute kennen zu lernen, weil alle sehr interessiert waren und mich mit Fragen über die Schweiz auf Trab hielten. Aber hier scheint es niemanden wirklich zu interessieren. Natürlich ist es auch die Aufgabe eines Austauschschülers, auf Leute zuzugehen und mit ihnen zu reden. Aber hier erhalte ich sehr oft sehr kurz angebundene Antworten und die Leute sagen oft wirklich nur das allernötigste (was oftmals einfach ja oder nein ist). Deshalb habe ich auch in der Schule angefangen, während der Pause für mich Musik zu hören oder ein bisschen Wörter zu lernen. Mein Russisch hat nämlich mal wieder kaum Fortschritte gemacht, einfach weil ich hier irgendwie gar nicht die Gelegenheit zum Sprechen habe. Auch in meiner neuen Gastfamilie läuft nicht alles so gut, da sie kaum mit mir sprechen und alle irgendwie für sich leben und es gar kein richtiges Familienleben gibt. Besonders die Ferien Ende März waren schwierig, da ich einfach nicht viel gemacht habe.

Image Einziger Lichtblick in diesem Monat war, dass ich nun endlich ein neues Fussballteam gefunden habe. Der FC Lukhowitsy hat nämlich seit gut einem Jahr ein Frauenteam, welches sich sehr über Zuwachs freute noch dazu über eine Torhüterin. Mit ihnen trainiere ich nun viermal die Woche, was eine gute Beschäftigung ist und mich von der Langeweile zuhause rettet. Die Mädchen sind alle sehr nett, leider sind nur die wenigsten aus Lukhowitsy. Die meisten sind aus den umliegenden Dörfern und Kleinstädten, weshalb es auch hier wieder schwer ist, sich mit jemandem zu verabreden. Dennoch bin ich sehr froh, dass ich dieses Team gefunden habe, da die Leute hier auch viel mehr wie ich sind, als beispielsweise die Mädchen in meiner Klasse. Auch unser Trainier ist sehr nett und hat versprochen, dass ich auch mit ihnen im Sommer die ersten Meisterschaftsspiele mitspielen darf. Leider beginnt die Saison erst Ende Mai, weshalb ich wohl nur ein paar wenige Spiele miterleben werde, aber immerhin haben wir schon einige Trainingsspiele absolviert.

Etwas weiteres Erfreuliches in diesem Monat war die Tatsache, dass ich nun endlich mal nach Moskau kam! Zusammen mit Alina besuchte ich zuerst eine Ausstellung, wo sich die Schüler über die verschiedenen Universitäten in Moskau informieren konnten. In Moskau gibt es wirklich sehr sehr viele Unis und vor allem sehr verschiedene. Wir wurden reichlich mit Material versorgt (was die Leute einem zum Teil beinahe schon nachwarfen) und darunter waren auch einige recht nützliche Sachen, wie zum Beispiel einen Plan der Moskauer U-Bahn (die wirklich sehr gross ist). Da ich nun in der elften Klasse lerne, hätte ich die Möglichkeit, einige Prüfungen abzulegen, um danach in Russland studieren zu können. Das muss ich mir aber noch ein wenig überlegen, da ich in einigen Fächern den Stoff noch nicht wirklich verstehe und in anderen einfach viel lernen müsste. Mal sehen, ob ich mir diese Option freihalte.

Danach ging es endlich, endlich, endlich auf den roten Platz. Ich hatte schon befürchtet, ich käme nach hause und hätte zugeben müssen, nie in Moskau gewesen zu sein und nie auf dem roten Platz gestanden zu haben. Zum Glück hat sich das ja jetzt doch noch geändert. Es war wirklich ein merkwürdiges Gefühl, da zu stehen, an dem Ort, den man schon tausendmal im Fernsehen und in Büchern gesehen hat, von dem alle schon mal gehört haben und wo viele gerne mal hinwollen. Natürlich habe ich ganz viele Fotos gemacht und mit dem Wetter hatten wir auch super viel Glück, weshalb ich einige sehr schöne Aufnahmen machen konnte (das Schönste ist natürlich die Kathedrale). Also geniesst die Bilder vom Markenzeichen Moskaus und bis zum nächsten Monat. ;)

Sandra

 
12:51 | 04.Februar 2012