Sandra in Russland: Juni 2010

Der letzte Monat in Russland war angebrochen und ich hatte beschlossen, noch ein letztes Mal für eine wohl sehr lange Zeit, meine Familie in Tschuwaschien zu besuchen. Also setzte ich mich bereits ende Mai in den Zug und fuhr Richtung Tschuwaschien los. Zuerst wollte ich dort nur zwei Wochen bleiben, am Ende blieb ich aber den ganzen Monat und hatte wirklich noch einen der schönsten Monate überhaupt hier in Russland. Alle hatten bereits Ferien und wir genossen das mittlerweile wunderschöne Wetter in Russland (jeden Tag mindestens 30°C), um ein bisschen an der Wolga zu relaxen und uns zu sonnen. Es war wirklich herrlich, aber sehr, sehr heiss. Im Winter habe ich -36°C erlebt, nun im Sommer hatten wir sogar einmal +38°C im Schatten (!). Ja, Russland ist das Land der Extreme ;)

So verbrachte ich meine letzten Tage in Russland damit, an der Wolga zu relaxen, mit Freunden zu spazieren, Eis zu essen und noch ein wenig shoppen zu gehen. Mit meiner alten Klasse ging ich noch auf ein kleines Picknick, wo wir Schaschlik assen und zusammen nochmals das Jahr revue passieren liessen. Es war wirklich super schön, nochmals all meine Freunde zu sehen. Auch mit meiner alten Gastfamilie war es immer noch so schön wie am Anfang. Sie hatten mich genauso sehr vermisst wie ich sie. Besonders meine Grossmutter hatte sehr damit zu kämpfen, dass ich einfach so schnell weg gehen musste und hatte sich immer schrecklich viele Sorgen gemacht. Ich nutzte die Zeit mit meiner Babuschka besonders, um noch ein wenig kochen zu lernen, da ich das das ganze Jahr über irgendwie verpennt hatte. Und wie peinlich wäre das denn, wenn ich zurückkäme und nicht einmal Borsch kochen könnte...?;)

Aber so schön der letzte Monat auch war, die Vorfreude auf zuhause war auch da und manchmal war ich schon richtig ungeduldig und schier noch ungeduldiger als zu der Zeit, als ich noch einige Monate vor mir hatte. Ich merkte einfach langsam, wie lange ich schon weg gewesen war. Langsam wurde es Zeit, dass ich meine Familie und Freunde wieder sah.

Es gab auch noch einiges zu tun, nämlich all den Kram, den ich mir in meinem Jahr hier zusammengesammelt hatte, nachhause zu schicken. Und das war wirklich viel. Gesamthaft schickte ich drei Pakete nach hause, zwei davon mit 14 und eines sogar mit 17,5 Kilo... Ja ja, in so einem Jahr sammelt sich halt einiges an.

So verbrachte ich also praktisch den ganzen Monat noch in Tschuwaschien. Etwas Besonderes war natürlich auch die WM. Da Russland dieses mal ja nicht dabei war (ja ja, wer hat denn da gegen Slowenien verloren..?), war die Stimmung zwar nicht übermässig, aber mit Alex und zwei meiner Freundinnen guckten wir uns öfters die Spiele an und diskutierten darüber, welche Mannschaft wohl dieses Jahr das Rennen machen würde.

Am Ende fuhr ich mit zwei Freundinnen und Alex zurück nach Moskau, wo ich die letzten drei Tage noch all meine Sachen packte und mir dann mit meinen Freunden noch mal einige Orte in Moskau ansah. Leider hatten wir am Ende einfach zu wenig Zeit, denn es gibt so vieles in Moskau, dass ich noch nicht gesehen habe, sich aber sehr zu sehen lohnen würde. Doch ich weiss, dass ich nicht das letzte mal in Russland gewesen bin und vielleicht sogar schon nächstes Jahr wieder nach Moskau oder St.Petersburg fahren werde und dann noch einige Tage nach Tschuwaschien, wo ich meine Freunde und Familie besuchen werde. Denn mittlerweile kann ich wirklich sagen, dass ich in den Takmakovas meine zweite Familie gefunden habe. Sie spielen sogar mit dem Gedanken, uns dieses Neujahr in der Schweiz zu besuchen, da auch sie sehr gerne meine Kultur und Familie kennen lernen würden und ich ihnen das alles auch gerne näher bringen würde.

Am 29. ging es für mich dann das letzte Mal nach Moskau. Mein Gastvater und ich fuhren morgens um halb sechs los und kamen trotzdem erst etwa um 11.00 Uhr am Flughafen an, da wir zuerst noch Moskau umfahren mussten und weil sich der Flughafen genau auf der anderen Seite der Stadt befand. Dort warteten auch noch meine zwei Freundinnen, welche mit mir nach Moskau gefahren waren und verabschiedeten sich von mir. Es war schon ein merkwürdiges Gefühl. Irgendwie dachte ich, dass ich einfach wieder nach Tschuwaschien fahre und dort mit meiner Familie an die Wolga gehen würde... Doch nein, innerhalb von vier Stunden hatte ich tatsächlich wieder Schweizer Boden unter den Füssen und meine Familie und Freunde in den Armen. Freude und Trauer lagen nahe beisammen. Freude, weil ich endlich meine Liebsten wieder hatte und Trauer, weil alles schon vorbei war, meine Freunde und Familie in Tschuwaschien zurückgeblieben waren und ich wohl einfach den Lebensstil als Austauschschüler vermissen würde. Dieses Jahr war wirklich eine tolle Erfahrung und im Nachhinein würde ich sagen, dass ich es jederzeit wieder machen würde. Es gab schöne Momente und auch schlechte, aber auch schlechte Erfahrungen sind wichtige Erfahrungen und das sollte man sich als Austauschschüler immer bewusst sein! Ein Lied von Reamonn hat mich das ganze Jahr über begleitet und besonders eine Textzeile aus diesem Song, den ich zukünftigen Austauschschülern gerne mit auf den Weg geben würde: If it doesn’t kill you, it makes you strong.

 
12:47 | 04.Februar 2012