| Sandra in Russland: Februar 2010 |
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Warum das alles und vor allem so plötzlich? Um es ehrlich zu sagen, habe ich es selbst nicht ganz verstanden. Irgendwelche Probleme mit dem Visum etc., wodurch ich gezwungen war, Tschuwaschien zu verlassen und in Moskau bzw. Moskauer Umgebung zu leben. Und der ganze Umzug sollte am übernächsten Tag stattfinden. Ich würde am Abend allein mit dem Zug 12 Stunden nach Moskau fahren. Im ersten Moment dachte ich, das wäre nur ein schlechter Witz. Dann begann ich, das ganze zu realisieren. Ich hatte noch genau zwei Tage, na ja eigentlich nur eineinhalb Tage Zeit, mich von allen zu verabschieden. Am nächsten Tag sollte ich mit Katja mein Ticket kaufen gehen, doch mein Gastvater wehrte sich im letzten Moment noch einmal und verschaffte mir so etwas mehr Zeit (bis zum Dienstag Abend), um mich von allen verabschieden zu können (oder zumindest von den allerwichtigsten Personen).
Doch auch wenn sich bisher vieles, das anfangs schlecht aussah, als gut herausgestellt hatte, war ich nicht sicher, ob das auch weiter so stimmen würde. "Es wird nicht so schwierig werden, schliesslich beherrscht du die Sprache ja jetzt viel besser und so wird es dir nicht so schwer fallen, neue Kontakte zu schliessen." Trotz all dieser "Vorteile" hatte ich sehr Angst davor, nach Moskau zu gehen, denn es ist und bleibt ein kompletter Neuanfang: neue Stadt, neue Schule, neue Familie, neue Freunde, alles neu. Nachdem ich mich also von allen verabschiedet, die letzten Spaziergänge unternommen und die Koffer gepackt hatte, ging es am Dienstagabend los Richtung Bahnhof. Meine ganze Gastfamilie kam natürlich mit und auch Alex. Ein paar meiner Freunde wollten auch versuchen zu kommen, jedoch war ich mir nicht sicher, ob es klappen würde. Am Bahnhof angekommen, wartete schon der Zug auf mich. Wir verstauten alles in meinem Abteil (es war ein ganz schönes Gequetsche, als sich da plötzlich neun Leute hinein drängten). Schliesslich kam Katja und meinte, wir sollten nochmals rausgehen, da warten nämlich noch einige Leute. Zuerst verstand ich nicht ganz, marschierte aber neugierig aus dem Zug und dann sah ich sie alle: meine Klassenkameradinnen, meine alte Gastfamilie (leider ohne Alessia, die zu der Zeit arbeitete) und meine Freunde aus Cheboksary, sie waren alle gekommen. Ja und da konnte ich die Tränen natürlich nicht mehr zurückhalten. So wurden die letzten Momente auf dem Bahnhof von gemischten Gefühlen begleitet, einerseits war ich sehr traurig, dass ich diese Menschen nun schon wieder verlassen musste und ich wusste ja nicht, ob ich sie wieder sehen würde, andererseits war ich auch irgendwie gerührt, dass so viele Leute noch einmal gekommen waren, um mich zu verabschieden. Ich umarmte also jeden noch einmal und besonders bei Alex und Anja, meinen Gastschwestern, fiel mir der Abschied sehr schwer und die Tränen flossen nur so. Schliesslich musste ich in den Zug einsteigen, welcher dann nach ein paar Minuten losfuhr. Als der erste Ruck durch den Zug ging, winkten mir alle von draussen zu und die Tränen kamen mir natürlich wieder hoch. Ich winkte noch ein letztes Mal und dann fuhr der Zug auch schon aus dem Bahnhof. Die Zugfahrt war ehrlich gesagt nicht so schön, ich will aber nicht unbedingt genauer darauf eingehen. Das einzige was mich wirklich aufheiterte, waren die zahlreichen Kurznachrichten, die ich schon kurz nach meiner Abfahrt erhielt, von meinen Familien und Freunden. Auch hatten meine Freundinnen mir ein kleines Büchlein geschenkt, wo jeder eine Nachricht hineingeschrieben hatte, was mir als schönes Andenken bleibt. In Moskau wurde ich vom Direktor von YFU Russland abgeholt. Er brachte mich dann in das YFU Office und dort verbrachte ich einige Stunden, bis wir dann wieder losfuhren und uns mit meinem zukünftigen Gastvater trafen, der an diesem Tag in Moskau arbeitete. Mit ihm, seinem Mitarbeiter und einer Lehrerin aus meiner neuen Stadt (keine Ahnung, was die alle zusammen in Moskau gemacht haben) fuhr ich dann los, zweieinhalb Stunden nach Luchowitsy. Auf der Fahrt war ich sehr still, versuchte dann aber doch ein wenig über meine neue Stadt bei der Lehrerin herauszufinden. So wie es aussah, war meine Stadt wirklich sehr klein, es gab aber zu meiner Freude einen Fussballclub und da sollte es angeblich auch ein Frauenteam geben. Ein wenig zuversichtlicher kam ich also in Luchowitsy an. Da war ich erstmal baff. Von Russland war ich mir ja bis jetzt eigentlich die Plattenbauten gewohnt. Aber hier würde ich in einem Haus leben. In meiner Strasse gibt es nur Häuser. Da war ich also in die etwas reichere Gesellschaftsschicht Russlands geraten. Um es kurz zu beschreiben: Unser Haus ist sehr, sehr gross, zwei Stockwerke und dann natürlich noch den Dachboden. Hinter dem Haus befindet sich ein noch grösserer Garten, in dem meine Gastfamilie alles mögliche anpflanzt (auch in der Küche ist das meiste von ihnen selbst, von den Früchten bis zum Wodka). Das Beste an dem Haus ist wohl die hauseigene Banja (Sauna). Meine neue Gastfamilie besteht aus meinem Gastvater Viktor Ivanovic und seiner Frau Sinaida Sinovjevna, ihrer Enkelin Sonja (12) und deren Uroma. Die Eltern von Sonja leben leider nicht mehr, weshalb sie bei ihren Grosseltern lebt. Die Familie ist, glaube ich, sehr nett und sie hatten auch schon einen Austauschschüler bei sich, sogar aus der Schweiz, einen Jungen namens Jeremy. In mir schwanten böse Erinnerungen an meine erste Gastfamilie, jedoch haben diese sich nicht bestätigt. Auch zwischen Sonja und meiner ganz früheren Gastschwester Yulia, welche beide 12 sind, besteht ein gewaltiger Unterschied, positiv gemeint. Allgemein muss ich sagen, dass die Menschen hier in Moskau sehr anders sind als in Tschuwaschien. Das Erste, was mir auffällt, ist natürlich, dass die meisten hier viel reicher sind. In meiner neuen Klasse sind die meisten beispielsweise eher reich. Als eines der Mädchen mit einem neuen Handy in die Schule kam und den Preis nannte, meinte eine der anderen nur: "12'000 Rubel? (ungefähr 450 Franken) Warum ist das denn so billig?" (Weitere Anmerkung: Sie selbst besitzt ein Handy für 900 Franken und in Russland kriegt man das Telefon nicht billiger, indem man ein Abo abschliesst wie in der Schweiz, man bezahlt meist den vollen Preis). Die Leute in Tschuwaschien waren einfacher, meiner Meinung nach aber auch freundlicher. Ich vermisse schon ein wenig die Offenheit und Herzlichkeit mit der mir die Leute dort begegnet sind. An meiner neuen Schule gehe ich in die elfte Klasse. Dort bereiten sie sich gerade alle für die Abschlussprüfungen vor, weshalb viele fast jeden Tag Nachhilfe haben. Das ist zwar nicht so gut, weil sie dann nicht viel Zeit haben, allerdings war die Alternative dazu, in die neunte Klasse zu gehen, wo ich aber im Durchschnitt drei Jahre älter als alle anderen gewesen wäre und ich das nicht wollte. In meiner Klasse gibt es ein Mädchen, das selbst ein Jahr in Deutschland war und zu der ich sofort Kontakt fand. Natürlich stellt sich hier immer wieder die Frage: "Wollen diese Leute meistens nur ihre Fremdsprachkentnisse trainieren?" Aber mir war das am Anfang recht egal, solange ich überhaupt jemanden zum reden hatte (wenn auch auf Deutsch). Mit Alina (diesem Mädchen) war ich auch am ersten Wochenende nach meiner Ankunft im Dorf Gorodna, wo ihre Grossmutter lebt. (Wir hatten ein verlängertes Wochenende, weil am 23. Tag der Männer war.) Da war ich also zum ersten Mal in einem russischen Dorf und ich liebe es. Das Dorf besteht aus einer Strasse, wo einfach alle Häuser stehen, alle laufen hier in Walinkis herum und im Dorfgeschäft wird das Dorfeigene Bier verkauft. Obwohl man hier kaum was machen kann und die Busverbindung in die Stadt recht bescheiden ist, fände ich so ein Haus im Dorf gar nicht mal so schlecht, denn im Sommer soll es hier wirklich traumhaft sein. Alina hat mich schon eingeladen, den Sommer mit ihr im Dorf zu verbringen, da dann alle ihre Freunde, die jetzt in Moskau studieren, ursprünglich aber aus diesem Dorf stammen, in den Semesterferien hierher kommen und jeden Abend was los ist. Darauf freue ich mich schon sehr. Das waren also die ersten Infos über meine neue Heimat. Nächsten Monat gibt’s mehr, auch zum Thema Fussball. Liebe Grüsse Sandra |





"Sieh's von der positiven Seite: Du lernst neue Leute kennen und hast die Chance nach Moskau zu gehen!" Das habe ich in diesem Monat wohl von zig Leuten gehört. Leider hat es mir in dem Moment überhaupt nicht geholfen. Natürlich ist es besser, wenn die Leute um einen herum nicht mitheulen und die ganze Situation von der negativen Seite betrachten, aber dennoch ist es immer leicht zu sagen "sieh es positiv". Immerhin hatte ich mir hier in den letzten sechs Monaten ein richtiges zweites Leben aufgebaut. Ich hatte endlich eine Familie gefunden, wo ich mich komplett wohlfühlen konnte und ich auch jederzeit zurückkommen kann und werde. Ich habe nach anfänglicher Zurückhaltung neue Freunde gefunden, mit denen ich trotz Schule etc. auch immer etwas unternehmen konnte und war einfach glücklich in meinem "Dorf" Novocheboksarsk. Einer der bewegendsten Momente war für mich der, als meine Gastgrossmutter sich neben mich setzte und auf deutsch (sie hatte in der Schule Deutsch gelernt und die einzelnen Wörter extra nochmals nachgeschlagen) zu mir sagte: „Sandra, ich liebe dich wie meine eigene Enkelin!“ Für manche mag es einfach nur ein Satz sein, aber dieser Satz bedeutete mir wirklich sehr viel und ich wusste einfach, dass egal was ich bisher in meinem Austauschjahr gemacht hatte, ich hatte das Richtige getan, denn sonst wäre ich vielleicht nie in dieser, nein in meiner, Familie hier gelandet.