Sandra in Russland: August 2009

Wenn Du für ein Jahr fortgehen würdest, was würdest du einpacken? Kleidung? Bücher? Laptop? Freunde? Und was, wenn es zwei Regeln gäbe: Du gingest allein und dürfest nur 20 Kilo Gepäck mitnehmen. Wie viele Kleidungsstücke nähmest du dann mit? Bräuchtest du wirklich so viele Bücher? Nähmest du anstelle der Freunde Fotos von ihnen mit?

Solche Fragen verfolgen mich nun schon seit ein paar Wochen. Denn in wenigen Tagen, genau gesagt am 27. August, beginnt mein persönliches Abenteuer, mein Jahr in einer völlig neuen Umgebung, einer neuen Kultur und mitten neuer Menschen: Mein Austauschjahr in Russland.

 Begonnen hat das ganze eigentlich schon vor zwei Jahren, als ich zum ersten Mal an ein Austauschjahr dachte. Wollte ich nicht schon immer mal länger in die USA gehen? Reizte mich nicht schon seit langem meine Musik (ich spiele seit ca. acht Jahren Dudelsack) an Schottland? Doch da ich zu der Zeit gerade in eine neue Klasse kam und dann eines der besten Jahre meines Lebens hatte, rückte der Gedanke wieder in den Hintergrund. Als sich dann eine Freundin von mir für ein Austauschjahr entschied, drängte sich mir der frühere Gedanke wieder auf und war stärker als je zuvor. In meinem Hinterkopf hatte sich neben dem Austauschjahr gar noch ein neuer Gedanke gebildet: Russland. Da ich seit einem Jahr einen Russischunterricht an unserer Schule besuchte, war ich mit Russland ein wenig vertraut: Nicht nur mit der Schrift und der Sprache, sondern auch mit der Kultur, da meine Lehrerin selbst Russin ist und uns viel von ihrem Heimatland überbringen konnte.

 Viele Leute beäugten mich etwas merkwürdig und besorgt als ich ihnen von meiner Wahl des Austauschlandes Russland erzählte. Für viele ist Russland heute noch ein weisser, unerforschter Fleck auf der Landkarte. Russland ist wohl kein typisches Reiseziel, was nicht zuletzt daran liegt, dass man sich bei der völlig anderen Schrift sehr schlecht zurechtfinden würde, und immer die „merkwürdigen Zeichen“ auf Strassenschildern vergleichen müsste. Aber genau dieses Andersartige war es auch, was mich an diesem Land faszinierte.

Daher erkundigte ich mich nach einem Austauschjahr in Russland. Tatsächlich wurde dieses Programm angeboten und ich bewarb mich schliesslich bei YFU. Nach einigen Wochen der Aufregung und des Bangens bekam ich endlich den Bescheid: Ich würde nach Russland fahren!

 Damit begann auch die Zeit der Vorbereitung: Formulare mussten ausgefüllt werden, die der Suche nach einer Gastfamilie dienten, die Vorbereitungswochenenden von YFU, bei denen ich die anderen künftigen Austauschschüler, Ehemalige und derzeitige Austauschschüler aus anderen Ländern kennen lernte. Diese Wochenenden waren sehr interessant und der Austausch mit den anderen Austauschschülern eine gute Erfahrung. Man wurde jederzeit etwas nervös wenn jemand davon berichtete, dass er mit seiner Gastfamilie schon Kontakt hätte und wisse, wohin er kam. Wenn mich jedoch zuhause die Leute fragten „Wohin gehst du denn genau?“ konnte ich immer nur verlegen mit den Schultern zucken und „Keine Ahnung!“ antworten, was mir des Öfteren einen verwirrten Blick einbrachte. Doch ich hatte wirklich keine Idee, wo ich hinkommen würde. Immerhin: Russland ist riesig. Man könnte überall hinkommen, und je nachdem wohin wäre es sowohl klimatisch als auch von der Kultur ein grosser Unterschied. 

 Ende Juni erhielt ich dann die erste Information: Ich würde definitiv in das Gebiet rund um Kazan kommen. Das war ja schon mal etwas, obwohl die meisten Leute immer noch nicht viel mit der Information anfangen konnten. Schliesslich erhielt ich auch die Informationen zu meiner Gastfamilie und meinen zukünftigen Heimatort: Novocheboksarsk (und ja, ich habe auch eine Weile gebraucht, um den Namen aussprechen zu können).

Mit meiner Gastfamilie habe ich per Email Kontakt aufgenommen und habe schon einige Dinge über sie und meine neue Heimatstadt erfahren. Zum Beispiel habe ich eine kleine Schwester, die elf Jahre als ist. Meine Gastmutter unterrichtet als Hobby deutsch und englisch, das wird die Kommunikation in den ersten Tagen wohl erleichtern. Obwohl die Verlockung gross sein wird, sprachliche Probleme einfach mit deutsch oder englisch zu umgehen, werde ich mir das natürlich verkneifen und mich notfalls mit den Händen und Füssen und meinen paar Fetzen russisch zu verständigen versuchen.

 Nun sind es nur noch wenige Tage bis zu meiner Abreise und ich schwanke Image immer zwischen kurzzeitigen Panikattacken à la „Oh mein Gott jetzt geht es dann bald los!!“ und ruhigen Momenten während derer ich mich einfach noch meinen Freunden, Hobbys und den Vorbereitungen widme: Packen, Abschied nehmen und, was auch sein muss, Zimmer aufräumen.

 Mein Visum habe ich letzte Woche auch endlich erhalten – puh. Jetzt steht mir nichts mehr im Weg und ich geniesse noch die letzten Tage in der (warmen) Schweiz und freue mich dann auf ein spannendes Jahr in Russland!

 

 
12:52 | 04.Februar 2012