| Sandra in Russland: October 2009 |
|
YFU Oktober Здравствуйте! Saluton! Irgendwie denke ich mir immer "Achja, der Blog, das hat ja noch Zeit", und ehe ich mich versehe ist schon wieder Ende des Monats. Monat Nummer zwei ist nun auch schon vorbei und mittlerweile ist für mich alles zum Alltag geworden, sei es das fahren mit der Marschrutka (Sammeltaxi) oder das tägliche "Du bist zu spät! Name und Klasse!" in der Schule (Ich sage nur: drei Frauen und ein Badezimmer - keine weiteren Fragen, euer Ehren). Irgendwie habe ich das Gefühl, als sei ich schon ewig hier. Habe ich im ersten Monat noch immer alle Fragen à la "Wo wohnst du?" mit den Informationen aus der Schweiz beantwortet, kommen nun nur noch Angaben zu meiner neuen Heimat hier. Besonders jetzt gegen Ende dieses Monats fühle ich mich hier schon richtig zu hause und gar nicht mehr so fremd. Das war aber am Anfang dieses Monats noch gar nicht so. Dieser Monat begann ehrlich gesagt etwas zäh für mich. Langsam schien alles Routine zu werden und irgendwie fand man doch immer Zeit, sich zu langweilen. In der Schule gab es auch nicht wirklich viel Ablenkung, zumal sich an meinem Stundenplan immer noch nichts geändert hatte, was mich zusätzlich etwas verstimmte. Langeweile ist wohl eine der grössten Fallen in einem Austauschjahr. Man hat dann einfach zu viel Zeit über all das nachzudenken, was man irgendwie doch an der Heimat vermisst: Familie, Freunde und all das, was man zu hause jetzt normalerweise machen würde. Irgendwie hatte ich nichts, womit ich mich richtig ablenken konnte. Wie bereits erwähnt, ist unter der Woche sowieso immer ein wenig tote Hose angesagt, da alle mit lernen und arbeiten beschäftigt sind. So sass ich nun also in diesem Loch und grübelte über alles mögliche nach und fand auch immer wieder neue Dinge, die mich gerade nervten. Besonders die Zeit in der Schule war immer sehr schlimm, da ich mich im Unterricht einfach nur langweilte. Zwar versuchte ich immer wieder aufs Neue, mich auf die Lehrer und das, was sie erzählten, zu konzentrieren, aber meistens mussten die anderen einen Test schreiben oder der Lehrer hielt mal wieder einen Vortrag, bei dem ich einfach nichts verstand. Auch die Pausen waren nicht viel besser, da ich mich bei den Kleinen einfach nicht mehr so wohl fühlte (zwar sind alle ganz lieb und süss, aber irgendwann hatte ich dann einfach nur noch Angst, dass mein Trommelfell platzen würde, denn da in den Stunden nicht geredet werden darf, entlädt sich die ganze aufgestaute Energie dann in der Pause und leider immer in Form von kreischen und heulen neben meinen Ohren).
Aber ich lernte auf dem Festival nicht nur die AFS Studenten kennen, sondern noch ein paar andere, sehr nette Leute (die meisten aus Deutschland - ich glaube an diesem Wochenende waren mehr Deutsche in Cheboksari als auf Mallorca). Diese Language Festival Zeit gefiel mir sehr gut, leider war es dann nach einer Woche schon wieder vorbei, aber dadurch habe ich viele neue Kontakte geknüpft und habe auch ein neues Hobby entdeckt: Esperanto. Ich weiss nicht, wie viel Sie darüber wissen bzw. ob Sie überhaupt schon mal davon gehört haben. Um es kurz zu machen, es ist eine Sprache die in keinem Land gesprochen wird, sondern von verschiedensten Leuten aus den verschiedensten Ländern auf der Welt. Es ist eine Sprache, die 1887 erschaffen wurde. Das Ziel war es, eine einfache Sprache ohne Ausnahmen zu kreieren (tut mir leid für diesen kleinen Exkurs für all die, die das schon wussten). Jedenfalls schien es mir so, als sprächen alle Menschen auf dem Festival Esperanto (jedenfalls die Organisatoren) und mir wurde von allen versichert, dass diese Sprache auch für sprachunbegabte Menschen (zu denen ich mich langsam zähle) sehr einfach und schnell zu lernen sei. Deshalb entschied ich mich, es einfach mal zu versuchen. Zuerst war ich skeptisch, denn ich hatte Angst, zwei Sprachen auf einmal zu lernen würde mich nur durcheinander bringen. Aber nach den ersten zwei Stunden kann ich schon sagen, dass die beiden Sprachen sich einfach zu wenig ähneln, um sie zu verwechseln. Die russische Sprache machte mir nämlich diesen Monat auch ziemliche Sorge. Irgendwie hatte ich das Gefühl, es ginge nicht vorwärts. Vor meinem Austausch habe ich die Sprache eigentlich immer als kleinstes Problem gesehen, denn ich dachte, das lernt man von selbst. Aber dem ist nicht so, zumindest bei mir nicht. Irgendwie kam ich nirgends so richtig zum russisch sprechen. Zu hause sprach ich meistens deutsch und in der Schule hörte ich mehr zu, als dass ich selbst sprach. Nun ja, das erste war meine eigene Schuld und das zweite wohl auch, aber irgendwie kam ich einfach nicht über diese passive Haltung hinaus. Deshalb schlug meine Gastmutter vor, die Mutter einer Freundin zu fragen, da diese russisch Lehrerin sei. Nun bislang sind wir irgendwie nicht ganz dazu gekommen (bei uns ist es manchmal sehr chaotisch, denn wir nehmen uns immer so viel vor, und machen dann doch nichts ;) von daher sind wir uns noch sehr ähnlich). Jedoch half mir auch hier mein geliebtes Festival weiter. Einer der Organisatoren, der mich auch zu den Schulbesuchen eingeladen hatte, bekam mit, dass ich mir das russisch selber beibringe und hat sofort angeboten, mir zu helfen. Seither bekomme ich immer Emails mit Übungen und bin immer sehr dankbar, denn nachdem ich die Korrektur meiner ersten Email (auf die ich doch so stolz war...) zurückerhalten habe, weiss ich, dass ich noch weit davon entfernt bin, russisch richtig zu sprechen. Aber ich merkte speziell nach dem Festival, wie ich Fortschritte machte. Ich konnte sogar während einer Konferenz über das Festival ein bisschen für eine andere AFS Studentin übersetzen (bis sich dann jemand erbarmt hat und für den ganzen Raum auf englisch übersetzt hat, da ca. die ein drittel aller Leute kein russisch verstand und es langsam ziemlich laut wurde, da in jeder Ecke eine Privatübersetzung lief). Nun versuche ich immer öfters mich mit meinen russisch Fetzen zu verständigen (auch in der Schule). Zwar kommen manchmal wohl ziemlich merkwürdige Dinge dabei raus (jedenfalls entnehme ich das den oft verwirrten Blicken meines Gegenübers) aber ich glaube es ist besser, als nur englisch zu reden (und auch das wird oft sowieso nicht verstanden).
Und auch wenn manchmal über meine Stotterei im russischen gelacht wird, bin ich sehr froh, dass ich mich immer zuerst ans russisch wage, bevor ich es auf englisch versuche. Und den "Pisaju-Pischu" Fehler hat sich zum Glück auch nicht mehr wiederholt (obwohl ich einmal kurz davor war, meinem Informatik Lehrer über das E-Mail pinkeln zu erzählen - puh, habe es aber grad noch so geschafft, die Kurve zu kriegen). Was ist sonst noch so passiert? achja, obwohl mir jeder vor meiner Russland Reise gesagt hat, ich solle mich ja warm genug anziehen, hab ich es dann doch fertig gebracht, meine Jacke kaputt zu machen. Nun ja, vielleicht wollte ich einfach eine kleine Herausforderung...? Jetzt ist sie aber wieder voll intakt und darüber bin ich ehrlich gesagt sehr froh, denn es wurde diesen Monat, ich will keine unflätigen Ausdrücke verwenden, sehr sehr kalt. Da half auch manchmal meine Jacke nichts. Glücklicherweise hat mir meine Gastmutter eine ihrer Jacken gegeben. Damit sehe ich zwar wie ein dick eingepackter Inuit der sich in gelber Farbe gewälzt hat aus und die Bewegungsfreiheit ist auch dementsprechend, aber immerhin ist sie warm. Und wer denkt ich übertreibe, der hätte wohl vor ein paar Tagen dasselbe Gesicht gemacht wie ich, als ich während der Informatik Stunde aus dem Fenster schaute, denn es schneite. Es war nicht viel Schnee, aber durch den Wind sah das ganze dann doch aus, wie ein kleiner Schneesturm. Da ist man dann doch froh, dass man zu hause noch seine gelbe Inuit Jacke hat! Und da ich seit ich hier bin ziemlich faul geworden bin, da ich noch immer keine Sportart für mich gefunden habe, und das mit dem Fussball auch irgendwie viel komplizierter gemacht wird, als es eigentlich ist, habe ich mich dazu aufgerafft jeden zweiten Tag laufen zu gehen. Bisher klappt es ganz gut und ich halte mich auch wirklich daran (vielleicht noch zu erwähnen, dass ich es gerade mal seit einer Woche mache). Na ja, mal sehen, wie lange ich das durchhalte ;) Wetteinsätze können an mich gesendet werden. Witzig ist noch, dass ich hier immer wieder erklären muss, dass ich nicht aus Schweden, sondern aus der Schweiz komme. Die beiden Ländernamen klingen im russischen nämlich recht ähnlich (Schwezaria – Schwezia). Deshalb hab ich auch schon öfters Fragen wie „Sprichst du auch finnisch, das ist ja sehr nahe?“ oder „Ich dachte in Schweden spricht man schwedisch und nicht deutsch..“ mir anhören können oder sollte auf einer Karte von Schweden zeigen, wo ich denn genau herkomme (auf die Erklärung hin, dass ich Bülach kaum auf einer Schwedenkarte finden werde, da ich aus der Schweiz stamme, gibt es immer nur verwunderte Blicke). „Aber ich bin doch aus der Schweiz!“ „Ich weiss! Also, wohnst du in der Nähe von Stockholm?“ „…“
In diesem Sinne: До следующего мезяци, bis nächsten Monat.
|




Ich dachte schon ich würde nie mehr aus diesem Loch rauskommen, doch dann erschien doch ein Lichtblitz am Horizont: Das Sprachfestival in Cheboksari (wir erinnern uns, das "kleine Nachbardorf"). Da meine Gastmutter, welche früher in Cheboksari an einer Sprachschule unterrichtete, noch guten Kontakt zu ihren früheren Arbeitskollegen hat, und denen natürlich von mir erzählt hat, wurde ich eingeladen, an zwei Schulen vorbeizuschauen und ein wenig über die deutsche Sprache und die Schweiz zu erzählen. Das war natürlich die Abwechslung, auf die ich gewartet hatte. Auf diesen Schulbesuchen lernte ich gleich ein paar nette Leute kennen, darunter auch ein paar AFS Studenten, die in Cheboksari wohnen. Und endlich war ich nicht mehr die einzige, die nur Bahnhof verstand (manchmal war ich sogar die einzige, die überhaupt etwas verstand). Die anderen waren wirklich sehr nett und verstanden einfach genau, wie ich mich in der letzten Zeit gefühlt hatte. Mit ihnen und ein paar anderen ging es dann an einem Sonntag mit dem Bus nach Kazan. Nach drei stunden fahrt ging es in den Kreml. Nach diesem kulturellen Rundgang, ging es in ein riesiges Einkaufsgeschäft, Mega (naja was erwartet man, wenn drei viertel der Reisegruppe Teenager sind;)).
